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Eine sehr besondere Wallfahrtskirche mit besonderer Vorgeschichte Als ich im Jahr 1987 völlig ortsfremd, unbekümmert und absolut grün hinter den Ohren zum Studium nach Würzburg kam, streifte ich natürlich auf das Heftigste interessiert durch die Domstadt und sah dabei dies und das, wovon sich ein paar markante Punkte sogleich schon einmal in meinem virtuellen Stadtplan einprägten. - Kam es nun zu ersten persönlichen Verabredungen, so mussten natürlich gerade solche Punkte bemüht werden, um sich nicht zu verpassen. Meine erste Würzburger Verabredung traf ich also am Dom, denn den konnte man ja gar nicht verfehlen, so groß und frei und dominant, wie er da auf dem Marktplatz stand ... Nun ja, solche Irrtümer brachten den 'Zugereisten' oder 'Neigeschmeckden', wie man in Franken sagt, dazu sich schleunigst ein wenig Orts- und Kulturkundig zu machen. Und eines wurde dabei schnell klar: in dieser eigentlich nicht so grossen und überschaubaren Stadt gab es weit über 40 Kirchen! Und eine der größeren dieser Kirchen ist zwar die Marienkapelle am unteren Markt, aber bei weitem natürlich nicht der Dom. Zu meiner Ehrenrettung darf ich anführen, dass ich bei weitem nicht der Einzige war und bin, dem ganz genau dieser Irrtum unterläuft. Die Marienkapelle - so leicht sie als mehrschiffige, gotische Saalkirche hoch aufragend und in den Verzierungen sowie Verstrebungen sehr freundlich erscheint - hat leider ein sehr düsteres Ereignis zur Vorgeschichte. Nein, mehr als das. Es ist das schwärzeste Kapitel der Stadt. Genau dort nämlich, wo sich heute die Kirche erhebt, stand einmal die Synagoge einer der größten jüdischen Gemeinden im deutschsprachigen Raum, und der im Herzen einer mittelalterlichen Stadt doch sehr großzügige Markt war bis kurz vor der Mitte des 14. Jahrhunderts einmal das jüdische Viertel. Den Ereignissen vorausgegangen, die schliesslich zum Bau der Kirche führten, war zunächst einmal das sogenannte "Rintfleisch- Pogrom" im Jahr 1298. Hierbei ging es nicht etwa um Fleisch, sondern um eine angebliche Hostienschändung im nahe gelegenen Röttingen. 'Rintfleisch' war der Name eines kleinen Ritters, der dort das Pogrom anführte, welches sich über die ganze Region ausbreitete. In Würzburg kamen ca. 950 Juden grausam zu Tode, ein unsägliches Gemetzel. Und dann die paneuropäische Pest 1347/48! Erst hatte ein Frost die Weinernte dezimiert und schliesslich - wie überall in Europa - also die Pest. Na klar, 'Brunnenvergiftung durch die Juden' war das rasende Gerücht, das sich flächendeckend verbreitete (selbst am Mittelmeer, wie ich durch meine Jahre in Südfrankreich weiß). - Die Würzburger Rechtfertigung des Mittelalters wollte später zunächst, dass sich die Juden der Stadt selbst verbrannt hätten, als sich die Bürger näherten sie zu geißeln. Tatsache jedoch war, dass das jüdische Viertel komplett niedergebrannt und die darin lebenden Menschen grausam vernichtet wurden. Niemand kann sagen, um wie viele es sich gehandelt haben mag. Es gab fürs erste keine Juden mehr in Würzburg. Im Nachgang wurde sozusagen zur Verarbeitung der Ereignisse eine der Jungfrau Maria geweihte Kapelle aus Holz errichtet. Diese zog rasch so viele Menschen zur Wallfahrt an, die entweder durch die persönlichen Verluste der Pest oder im Angesicht der eigenen (schrecklichen) Tat so etwas wie Trost oder Zuversicht benötigten, dass dieser Bau schon bald nicht mehr ausreichte. Da hatte der Bischof Gebhard von Schwarzenberg im Jahr 1378 eine großartige Idee. Die Bürger der Stadt sollten der Jungfrau Maria zur Buße eine neue Kirche errichten. Und das taten Sie denn auch. Im folgenden entstand mit der Marienkapelle auf dem 'Unteren Markt' ein gotischer Kirchenbau also genau über der vormals jüdischen Synagoge. Eine großartig, filigran und leicht in die Höhe aufragende Saalkirche, wie es vielleicht keine weitere Entsprechung zu ihr gibt. Die Bauzeit betrug in etwa 100 Jahre, so dass die Kirche erst um 1480 herum mit der Fertigstellung des Kapellenturms vollendet war. Nur wenige Jahre darauf werden rechts und links des seitlichen Südportals (durch welches man die Kirche heute zumeist betritt) die von dem damals noch jungen Tilman Riemenschneider geschaffenen Figuren des Adams und der Eva  aufgestellt. Für die Zeit insbesondere bemerkenswert ist sicher die Nacktheit der Plastiken und auch ihre Symbolträchtigkeit, wenn man sich an die Vorgeschichte der Kirchenentstehung erinnert. An der Aussengliederung fallen vor allem die selbst für eine gotische Kirche über die komplette Mauerhöhe sehr hoch bis direkt unter das Dach gezogenen Fenster von Langhaus und Chor auf, wodurch die einzelnen Joche stark betont werden. Die Gliederung der Fenster beschränkt sich dabei auf schmale Streben sowie ein einfaches Maßwerk mit Rose im Spitzbogen. Die im Grunde auch schlanken und vielleicht daher nur wenig verblendeten Pfeiler tragen in ihrer Mitte Heiligenfiguren, ich im einzelnen leider gerade nicht zuordnen kann (Sorry, finde ich bei Gelegenheit vielleicht einmal heraus). Balustrade und mit Blendwerk versehene Pfeilerhauben schliessen den Bau zum einfachen Satteldach hin ab, welches alle drei Schiffe gleichermassen einheitlich überspannt. Nord-, West- und Südportal thematisieren in Ihren Tympanonfeldern "Maria Empfängnis", das "Weltengericht" sowie "Maria Krönung". Dabei findet sich gerade bei dem oft weniger beachteten - weil baulich vom Markt abseits gelegen - Nordportal eine sehr interessante, mittelalterliche Interpretation der Möglichkeit zur jungfräulichen Empfängnis: Gott nämlich bläst der Jungfrau durch einen Schlauch den Samen des Jesus-Kindes in das linke Ohr hinein. Sehr anschaulich. Ein wenig anachronistisch zum ansonsten filigranen Eindruck des Gesamtbaus wirkt der wuchtige, quadratisch geschlossen aufgemauerte und nur durch Scharten durchbrochene untere Teil des Glockenturms (insgesamt 70 Meter hoch) bis zur Dachhöhe neben der Westfassade. Das liegt vor allem daran, dass er in seinem Inneren neben der Hauptkirche eine weitere kleine Turmkapelle beherbergt. Im oberen Bereich geht er dann in den eigentlich erwarteten oktogonen und mit vielen Zier- und Blendelementen versehenen gotischen Stil über, abgeschlossen von einer ebensolchen Haube mit einer von Jakob v. der Auwera im 18. Jahrhundert geschaffenen Marien-Figur (Kupfer-vergoldet) an ihrer Spitze. Wie schon beim Dom habe ich persönlich so meine Zweifel, was die Authentizität der in meinen Augen etwas grell erscheinenden Farbgebung betrifft. Ein sehr authentisches Stück Mittelalter finden wir dagegen in den an die Südseite angebauten Ladenhäusern zum Markt hin. So und noch ein wenig lebhafter darf man sich das auch für die 'alte Zeit' vorstellen. Das Innere der Marienkapelle besticht mit einer lichten und irgendwie auch freundlich-hellen Atmosphäre. Das liegt an der umfangreichen Beleuchtung mit Tageslicht bereits auf Kopfhöhe und den besonders hoch aufragenden Seitenschiffen, die es überall hin durchlassen. Es macht sowieso den Eindruck einer räumlich fast einheitlichen Saalkirche. Die Kreuzgrad- bzw. das Netzgewölbe im Hauptschiff geben dem Raum nicht nur einen Himmel, sondern auch ein wenig Mysterium und Meditation wenige Schritte entfernt vom Trubel des Marktes. Die Einrichtung und Ausstattungen der Innenarchitektonik sind im 2. Weltkrieg komplett zerstört worden, so dass heute der Raum schlicht und weitgehend unverziert bzw. mit zeitgenössischer Kunst ausgestaltet ist. Das bekommt ihm sehr gut und lässt noch Platz für weitere Werke und ein Fortschreiten der Geschichte. An den Wänden sind verschiedene Gedenktafeln und Grabplatten angebracht. Abschliessend noch ein Wort zu der Frage, warum es wohl Kapelle und nicht Kirche heisst. - Dies liegt schlicht am katholischen Kirchenrecht, das in einem Bau ohne eigene Pfarrei eben keine Kirche, sondern nur eine Kapelle sieht. In der Geschichte Würzburgs hat dies ein wenig auch mit der Errichtung durch die Bürger der Stadt und eben nicht durch das Bistum sowie natürlich der Funktion als Wallfahrtsstätte zu tun. Die Marienkapelle war die erklärte Lieblingskirche von Balthasar Neumann, die er häufig besuchte. Hier liegt er auf eigenen Wunsch auch begraben. - Werfen Sie doch einen kurzen Blick hinein und besuchen Sie den großen Magier der Baukunst für einen Moment des Gedenkens. Die ‘Marienkapelle’ im Video des Altstadtrundganges Die Station 7 des Altstadtrundganges führt u.a. auch durch die ‘Marienkapelle’ am Unteren Markt. Sehen Sie hier das entsprechende Kapitel aus dem Video des Rundganges, das Sie sich auf Mein-Wuerzburg.com in voller Länge auch auf der zuständigen Seite Altstadtrundgang anschauen können.

Marienkapelle

Impressionen

Der Kirchenraum

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