Spionin am Löwenhof Wenn der Bombenhagel vom 16. März 1945 mit dem anschliessenden Feuersturm die dunkelste Stunde der Stadt Würzburg ist, so ist das Judenpogrom von 1349 wahrscheinlich als das dunkelste Kapitel der Stadt zu bezeichnen. Damals starben die Mitglieder der jüdischen Gemeinde ebenfalls in einem Feuersturm, den ein wütender Mob über diese Menschen brachte. Der Roman von Roman Rausch ‚Die letzte Jüdin von Würzburg‘ erzählt anhand der fiktiven Figur der Jüdin Jaelle die unmittelbare Vorgeschichte dieser Geschehnisse im geschickt und spannend geschilderten Kontext zwischen den reichspolitischen Verhältnissen sowie den Lebenssituationen von Bürgern und jüdischer Gemeinde. Nachdem sie dem Strassburger Pogrom mit knapper Not entkommen war, gelangt die junge Frau aufgrund der Reiseumstände als Mann getarnt nach Würzburg und sucht hier nach einem Verwandten, einem Onkel, den sie nicht kennt. Die Protagonistin bewegt sich dabei zwischen der ansässigen jüdischen Gemeinde, den Bürgern  sowie der bischöflich-herzöglichen Politik in der Gestalt des Michael de Leone, bei dem es sich sowohl um eine der schillerndsten als auch umstrittensten Figuren der Würzburger Stadtgeschichte wie auch des gesamten deutschen Mittelalters handelt. Ebenso legendär ist mit dem historischen ‚Löwenhof‘ der Ort dieses politischen Geschehens und der Handlung des Romans. Roman Rausch gelingt es erzählerisch eindrucksvoll, und den Leser auf bindende Weise in der fiktiven Geschichte mitnehmend, deutlich zu machen, warum es damals trotz der aufgrund schon vorangegangener Pogrome (z.B. Rintfleisch-Pogrom 1298) lokalen Gesetze sowie der übergeordneten Rechte des deutschen Königs und Kaisers dennoch zu diesem vielleicht furchtbarsten Judenpogrom des Mittelalters in der Stadt am Main kommen konnte. – Dazu sollte man außerdem wissen: Damals gab es in Würzburg eine der grössten jüdischen Gemeinschaften Europas. Die in jenen Jahren paneuropäisch und mit damals angeblichen jüdischen Brunnenvergiftungen geradezu hysterisch kolportierte Pest kam 1349 gar nicht nach Würzburg, sondern erst 1356. Was es jedoch gab, das waren diverse Missernten rund um den Wein. Kaum annehmbar, dass jüdische Zauber diese hätten bewerkstelligen können. – Es reichten hier allerdings zum politischen Nutzen die allgemeinen Umstände der Stimmung, wie es der Roman auch sehr anschaulich darlegt. Für die Protagonistin Jaelle hält die Erzählung schliesslich aber doch auch eine persönlich sehr spannende und zudem der historischen Wahrheit entsprechende Auflösung bereit. Aber lesen Sie unbedingt selbst … Roman Rausch, Die Letzte Jüdin von Würzburg, Reinbeck bei Hamburg, 2014 ISBN 978-3-499-26803-8
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Unerwartete Freifläche in der Mitte der engen Altstadt Im Norden ein paar Häuserreihen parallel zur Domstrasse gelegen bilden der obere und der untere Markt zusammen das zentrale Nervenzentrum der Altstadt. Eine durch die Bebauung entstandene Engstelle teilt den inmitten der engen Gassen unerwartet grossen Platz in zwei Abschnitte, wodurch sich die beiden Namen ergeben. Diese Weitläufigkeit hat seine Geschichte, denn es handelt sich hierbei um den Ort des ehemals jüdischen Viertels der Altstadt. In den paneuropäischen Pestjahren 1347 - 48 hatte erst ein Frost die Weinernte dezimiert und dann kam - wie überall in Europa - die Pest auch nach Würzburg. Und wer trug die Schuld an dem sozusagen doppelten Unglück? Na klar, 'Brunnenvergiftung durch die Juden' besagte das rasende Gerücht, das sich überall im Europa des Hochmittelalters verbreitete (selbst am Mittelmeer, wie ich durch meine Jahre in Südfrankreich weiß). - Die Würzburger Rechtfertigung wollte zunächst, dass sich die Juden der Stadt selbst verbrannt hätten, als sich die Bürger der Stadt näherten, um das Volk der Hebräer zu geißeln. Tatsache jedoch war, dass das jüdische Viertel komplett niedergebrannt und die darin lebenden Menschen vernichtet wurden. Niemand kann sagen, um wie viele es sich gehandelt haben mag. Es gab zunächst keine Juden mehr in Würzburg, das bis zu dem einige Jahrzehnte vorangegangenen "Rintfleisch-Progrom" eine der größten jüdischen Gemeinden im deutschsprachigen Raum besass. So entstand also in diesem Bereich inmitten der mittelalterlichen Stadt eine Freifläche, welche im Wesentlichen auch nicht wieder bebaut wurde. Zum Teil vielleicht aus Aberglaube, mit Sicherheit aber auch aus Scham wie die Errichtung der Wallfahrtskirche "Marienkapelle" als Buße der Bürger zeigt, und gewiss auch aus Gründen der praktischen Nutzung der so entstandenen Freifläche als Markt und öffentlichem Platz für viele Gelegenheiten wie z.B. auch der als gelegentliche Richtstätte und natürlich für Turniere. Bis dahin fand der grosse Würzburger Markt auf der heutigen Domstrasse bzw. am Sternplatz statt. Zumindest die Sache mit der zur Buße errichteten Kirche hat einen deutlich faden Beigeschmack, denn schon diese wurde zum einen über den Resten der ehemaligen Synagoge erbaut, was doch ein wenig mehr an Triumph denken lässt als an Buße (unsere heutige Empfindung und Einordnung der Geschehnisse ist der Wahrnehmung des Mittelalters sachlich sehr fern. Die Ereignisse jener Zeit sollten daher auch nicht nach den ethischen Maßstäben unserer Tege beurteilt werden). Und dann war das Ganze auch noch ein Coup des Fürstbischofs im Rahmen seiner Fehde mit den Bürgern der Stadt. - Es ist nicht so, dass gerade die Würzburger da einen schlechten Charakter gehabt hätten, sondern mehr der Effekt einer Zeit, welche von dem Widerstreit und der Gemengelage aus Glaube, Mythen, Wundern, Aberglaube, einer anders interpretierten Gewaltschwelle und der Furcht vor allem möglichen geprägt war. Ausserdem - wie in allen Zeiten - nicht zu vergessen natürlich die Politik. Am oberen Markt steht das wegen seiner Rokoko-Fassade berühmte "Haus zum Falken". Diese Fassade hat die Witwe eines Gastwirts in der Mitte 18. Jahrhunderts durch wandernde Stuckateure aus Niederbayern - wie es heisst - an dem in seinen Ursprüngen schon sehr viel älteren Haus errichten lassen. TIPP: Im Falkenhaus befindet sich auch das Büro der Touristeninformation mit wirklich gut informierten Mitarbeitern und nützlichen Besuchermaterialien. Gegenüber dem Falkenhaus befand sich am Oberen Markt bis zum 2. Weltkrieg der von Balthasar Neumann um 1727 errichtete Teil des "Dietricher Spitals" mit auch einem zum Unteren Markt weisenden Flügel. Es handelt sich dabei um eine Erweiterung des von Petrini um 1670 errichteten Spitals, das in Richtung Dom dahinter lag. Dieses 'Dietricher Spital' wurde im Wesentlichen durch das Domkapitel unterhalten und diente der Pflege von Kranken sowie der Aufnahme von Pilgern. Die heutigen Gebäude erinnern, leider bedingt durch die Nöte des Wiederaufbaus, nur noch zum Teil und nur rudimentär an den ursprünglichen Komplex. - Erhalten ist aber zumindest eines der Portale. Am unteren Markt hat Neumann zehn Jahre später 1738 ausserdem das sogenannte "Kaufhaus am Markt" an der östlichen Ecke zur Schustergasse errichtet. Ein 4-Flügel-Komplex mit Ladenarkaden im Erdgeschoss und jeweils einem Tor zum Innenhof an den Gebäudeseiten, darüber zwei Wohngeschosse und ein Dienstbodengeschoss im Pultdach. Nicht überreich, aber deutlich und in - wie immer bei Neumann - harmonischen Proportionen zueinander gegliedert. Die Lagerräume befanden sich überwiegend in den Kellergewölben. Dieses Gebäude war der erste rein als Kaufhaus konzipierte Bau der Stadt, und das wirklich Besondere an ihm ist, dass er in ganz Europa als Wohn-Geschäftshaus Schule machte. Man findet das Gebäude praktisch überall, wo sich barocke Bausubstanz erhalten hat und in modifizierter Weise auch durch das halbe 19. Jahrhundert hindurch. Der "Obelisk" bzw. 'Marktbrunnen' in der Mitte des unteren Marktes ist ein Werk aus fränkischem Muschelkalk des Architekten Johann A. Gärtner aus dem Jahr 1802. Es gibt Vermutungen darüber laut, dass der Brunnen wohl Messmarkierungen symbolisieren soll, welche für die Landvermessungen jener Zeit verwendet wurden, an denen eben auch Gärtner als damaliger Hofbaudirektor beteiligt war. Ich persönlich halte es aber durchaus auch für möglich, dass es sich sozusagen um eine frühe Hommage an den Ägyptenboom handeln könnte, den Napoleon wenige Jahre zuvor von seinem Ägyptenfeldzug mitgebracht hatte. Und Gärtner selbst hatte lange Jahre in Paris gelebt, dort hohe Ämter bekleidet, die Revolution erlebt und während politisch wirrer Jahre zudem immer wieder in Sachen der sogenannten Revolutionsarchitektur vermittelt. Last, not least, wurde im Nachgang der Aufstellung des Obelisk-Brunnens der kleine Korse höchstselbst in Würzburg erwartet. Möglicherweise sollte er erfreut werden. Die Relieftafeln mit antiken Motiven wurden erst 1881 hinzugefügt.  Irgendwann ist der Brunnen in der Achse etwas verdreht aufgestellt worden. Das Wieso und weshalb dieser Maßnahme ist eines der grossen Rätsel unserer Zeit und Stadtgeschichte ... Am westlichen Ende des Unteren Marktes zum Rathaus hin stand bis zu der Bombennacht im März 1945 das 1685 erbaute, die westliche Seite des Platzes dominierende Wohnhaus von Antonio Petrini. Dieses Gebäude wurde nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut und liess das Gelände für lange Zeit frei, so dass der Markt seine Verbindung mit dem Rathauskomplex und der Gasse hin zum Grafeneckart hatte. - Und man hätte sich gewünscht, dass es dabei geblieben wäre, denn im Jahr 2008 errichtete die VR-Bank dort eine post-postmoderne Absurdität, welche in seiner Gestaltung angeblich an jenes Petrini-Haus erinnern soll. Ich kann da nur sagen, "ein Schelm, wer anderes oder gar Böses denkt". Die festen Marktstände im östlichen Teil des Unteren Marktes sind eine Nachfolge aus dem Jahr 2000 der nach dem 2. Weltkrieg entstandenen Barackenlösungen für zunächst Einzelhändler, wie das in vielen Orten nach dem Krieg der Fall war. - Auch modern gemacht, aber eben mit Sinn für die Situation und an dieser Stelle durchaus gelungen. Der ‘Obere und Untere Markt’ im Video des Altstadtrundganges Die Stationen 7 & 15 des Altstadtrundganges befassen sich u.a. mit den Ereignissen des ‘Unteren und des Oberen Marktes’. Sehen Sie hier die entsprechenden Kapitel aus dem Video des Rundganges, das Sie sich auf Mein-Wuerzburg.com in voller Länge auch auf der zuständigen Seite Altstadtrundgang anschauen können.

Der Würzburger Markt

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Marktbilder

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